Beim Spaziergang in Heusenstamm

Die Polizei kommt zuerst. Es ist kurz vor 18 Uhr. Auf dem Bahnhofsvorplatz ist nicht erkennbar, wer sich dort zum Spazierengehen trifft. Ein paar Männer, die auf den Bänken sitzen, entpuppen sich als Bocciaspieler. Ein junger Mann springt auf, als er eine Frau im roten Kleid erblickt. Eine Verabredung. Am Bahnhofsausgang stehen zwei kleine Grüppchen. Jeweils drei bis vier Personen. Das könnten sie sein. Und tatsächlich trägt eine der Personen ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Wir laufen für den Frieden“. Ein schwarzer SUV saust über den Platz, hält gegenüber an. Eifrig trägt der Fahrer Tisch, Deutschlandfahne und ein paar Plakate auf den Platz. Es ist ein Abgeordneter von der AFD. Eine junge Frau erzählt, dass der AFD-Abgeordnete die Veranstaltung angemeldet hätte. Deshalb sei auch die Polizei da. Im Winter haben sich die Spaziergänger hier getroffen, um gemeinsam unangemeldet durch die Stadt zu laufen. Sie tragen keine Schilder, rufen keine Parolen. Sie gehen durch die Stadt. Dann sei der AFD-Abgeordnete gekommen und hätte die Gruppe aufgemischt. Er hätte diese Form des Protests verurteilt und angefangen, zum gleichen Termin Veranstaltungen anzumelden, Reden zu halten und Plakate mitzubringen. Im Winter, bevor der Krieg ausbrach, waren es 140 Spaziergänger. Die ursprünglichen Initiatoren des Spaziergangs möchten nicht mit der AFD laufen. Der Abgeordnete von der AFD sei ziemlich beleidigend ihnen gegenüber gewesen. Sie möchten sich politisch keiner Richtung anschließen. Sie seien ebenso „frei von links“, macht der Mann mit dem weißen T-Shirt ein Wortspiel zur Freien Linken. Die junge Frau erzählt, dass es ihr um das Mitmenschliche, um den persönlichen Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung in dieser Situation geht. Damit, dass am nächsten Tag das neue Infektionsschutzgesetz im Bundestag verabschiedet werden soll, hat sie sich nicht richtig beschäftigt. Sie laufen nun zu dritt die Frankfurter Straße hoch und runter, während sich das andere Grüppchen der AFD anschließt. Sie finden diese Veranstaltung attraktiver. So gehen zehn Personen mit Schildern und einer Fahne mit „Friedensadler“ der AFD durch Heusenstamm.

Zurück am Bahnhofsvorplatz steht man vor dem Brunnen, der kein Wasser führt. „Wir sparen für die Ukraine“, sagt ein Spaziergänger. Der leere Brunnen als Sinnbild für das, was sie im Herbst erwarten. Die Stimmung ist gedrückt.

Spaziergang mittwochs 18:00 vom Bahnhofsvorplatz in Heusenstamm

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